Amandir am Fels der klagenden Ahnen

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Erstellt am Samstag, 08. Juni 2013 18:59
Zuletzt aktualisiert am Montag, 06. Oktober 2014 23:09
Geschrieben von Aelindir
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Amandir am Fels der klagenden Ahnen

Elementares Getöse ringsumher. Binnen weniger Wimpernschläge hatte sich der Himmel über der nördlichen Tundra verfinstert und ein Schneesturm zügelloser Gewalten tauchte den Landstrich in ein Chaos bar jedweder Wegmarken. Die schmerzenden Augen des elfischen Wanderers verloren sich im Inferno. Orte des Schutzes blieben in jenen Tagen ohnehin nicht mehr als verzweifelt herbeigesehnte Oasen einer Eiswüste. Denn selbst hier im Norden munkelte man, dass eine Entität über die Welt hereingebrochen sei, die einem Sturm aus klirrendem Weiß mehr als ebenbürtig wäre.

Gebrochen kauerte sich die umtoste Gestalt nieder und presste sich schutzheischend in eine Nische. Mit der Jagdbemalung im Gesicht, der Wolfsmähne als urtümlich wirkendem Kopf- und Schulterpanzer und dem wilden Duft von Lotus und Lavendel, wirkte der Elf mit seinen sehnigen Muskeln und eleganten Bewegungen eigentlich selbst wie ein Raubtier. Doch nichts von dieser Entschlossenheit war ihm geblieben – der weiße Jäger triumphierte…

Dass bereits ein Felsgewirr aus gekrümmten Findlingen, die wie mahnende Finger klagender Ahnen aus dem Boden wuchsen, sich um Amandir geschlossen hatten, vermochte dieser längst nicht mehr zu erspüren. Das beißende Brausen war allgegenwärtig, nagte an allem. Nicht nur an Fleisch und Stein, nein, auch an der Hoffnung. An der Hoffnung eines Wesens, das gelernt hatte, in unwirtlichen Gegenden zu überleben. Jedoch zu überleben innerhalb einer Wärme und Halt spen­den­den Gemeinschaft. Die Gefährten aber in eine südliche Welt entrückt und selbst die Karenmenschen, welche Amandir den Weg zum Felsenort gewiesen hatten, entzogen sich aller Erreichbarkeit.

Die Temperatur sank abrupt. Im entfesselten Tosen manifestierte sich, gefrorenem Höllenwerk gleich, eine Macht, die Amandir allen Odem aus den gequälten Lungen presste. Sein Herz, von einer unfügsamen Sehnsucht beseelt, hatte ihn hier her geführt – doch nun verlangsamte es beständig seinen Rhythmus. Sein Lied wurde leiser. Langsamer. Seine Kraft würde nicht reichen, die Ketten der Klirrkälte zu sprengen und den eisigen Klauen zu entkommen. Bereit also, dem Unvermeidlichen zu begegnen und den Weg allen Seins zu gehen stellte sich Amandir dem rauen Schicksal. Das Leben entglitt bereits seinem Leib. Schon bald würde es auch seinem Blick entschwunden sein – und letztlich auch seiner Erinnerung…

Erinnerung! Amandirs Geist flüchtete sich in die letztmögliche Bastion. Seinen Körper aufgegeben, fand er sich in eine innere Welt voller Wärme und Lieder versenkt. Sommerliche Dunkelheit nistete sich merklich in den Wipfeln der Bäume eines Waldes ein, den der Elf schon lange nicht mehr betreten hatte. In seinen Gedanken verschluckte ihn das behütende Dickicht und legte wärm­end einen nachtsamtenen Mantel um seine Schultern. Direkt vor ihm ruhte ein Waldteich, dahinter schattige Tannen. Fast kreisrund thronte am Himmel das träumende Auge Madas und umfing die Szenerie mit Silberlicht.

Am Ufer des Teiches stand, Amandir den Rücken zugekehrt und das sanfte Spiel des Windes mit dem Wasser beobachtend, eine Elfe. Zierliche Wellen schoben sich in ihre Richtung, schmiegten sich um ihre Waden und forderten sie auf, sich ebenfalls dem frechen Willen des himmlischen Hauchs auszuliefern. Begierig kam sie dem Aufruf nach und bereits wenige Wimpernschläge darauf reckte sie, den Leib vom Wind friedvoll und sicher geführt, ihre Arme in die Höhe. Glatt und schimmernd vom kühlen Licht des Madamals war ihre Haut und seine Schatten verhüllten die Reize ihrer schlanken Gestalt. Ins eigene Haar getaucht ihre Finger, um die sich zauberisch all die geflochtenen, bunten Bänder aus Tierhaar schlangen, gab sich die Elfe gedankenverloren dem Reigen mit Wind und Wogen hin…

Amandir schauderte wohlig, sein Körper bäumte sich auf. Dieser Anblick, in langen Monden so herbei gesehnt und ergreifend, bot ihm eine lebensrettende Weltenflucht.

„Wach auf!“, hauchte sie, und ihre Stimme schlich sich wie ein wärmender Westwind durch all die Bedrohung. „Lass mich dein Lied singen…“

Und dann wob sie ihre Melodie. Herzzerreißend. Verheißungsvoll. Mit einer Stimme, in der der Glanz der sterbenden Himmelslichter lag und die gar die Sternfeen anrührte. Denn einst ward sie Elentari Sternkönigin gerufen, und Amandir begehrte, ihrem unendlich sanften Kuss zu erliegen. Doch seit seinem Aufbruch aus heimischen Gefilden hatte Trauer ihrer beider Herzen gefüllt – und nun trug sie den Namen Niniel Tränenglanz. Doch ihr Lied voller Sehnsucht gemahnte ihn an seine Kräfte, an den unbezähmbaren Drang in ihre Arme zurückzukehren. Es löste die Fesseln aus Stein und Eis…   

Der Fels erbebte. Selbst im entfesselten Toben war ein gewaltiges Knarren zu vernehmen. In Amandir begannen neuerlich Leben und Hoffnung zu keimen. Doch es bestand kein Zweifel, ein Einfluss jenseits des Sturmes musste den Stein erschüttert haben. Spähend wandte er sich um, gleichwohl wissend, dass er im weißen Treiben kaum mehr als Silhouetten wahrzunehmen vermochte. Doch hinter sich entdeckte er jäh, als sei dieser schon immer dort gewesen, den Durchbruch zu einer Kaverne. 

Verwirbelte Schneeflocken drangen scheu ins Innere. Doch Hitze und aufgedunsener Staub ritten sie mit schweren Schenkeln. Keine von ihnen kam weiter als einen Schritt und Amandir ließ sie sogleich hinter sich. Die Höhle musste unterhalb der Felsnadeln liegen, so hatten es die Karenmenschen dem Elfen geschildert. Also schob er, immer noch schwerfällig ob der klammen Glieder, seine Stiefelspitzen schüchtern voran. Wärme und Düsternis woben ein Netz, in dem er sich bald verfing – sein Atem und die ungelenken Bewegungen meldeten unvermeidlich einem fremden Ohrenpaar seine Ankunft… 

Zwischen einigen kargen Klüften erhob sich daraufhin das monotone Hecheln einer Bestie. Amandir fühlte deren grimme Präsenz, doch eine Wappnung war ihm nicht mehr möglich. Schon funkelten silbergraue Augen im Dunkel auf, blitzende Sendboten eines uralten Geistes. Das Hecheln wuchs im starrenden Maul heran zu alles lähmendem Brüllen. Amandir stockte abermals. 

Ein mächtiges, dumpfes Schnauben spülte allen Dunst beiseite und offenbarte das Raubtier. Um eine letzte, dem unverstellten Blick hinderliche Felsnadel schob sich gelassen ein wölfisches Monstrum mit muskelbewährtem Leib unter einem Fell, das gleichermaßen als struppiger Mantel sowie als eisgrauer Panzer diente. Und aus dem Rachen des Wolfsgiganten quoll, die beinernen Reißzähne bleckend, ein Gemisch aus disharmonischem Knurren und niemals vergehender Frosthölle. 

Doch das wilde Tier, im eigenen Zufluchtsort überrascht, griff nicht an. Amandir, der selbst in Pelz und Schädel gehüllt einem wölfischen Jäger glich, sank behutsam zu Boden und zeigte eine Demutsgebärde – er ordnete sich dem Stärkeren unter. Der Wolf schnaubte erneut, diesmal ungleich milder.  

„Errrrheben!“, erscholl unvermittelt die sonore Stimme des Tiers. Von zahlreichen Nadeln und den Kavernenwänden zurückgeworfen, drang sie von allen Seiten auf den Elfen ein.

Amandir sah beherzt auf. „Lebe im Gleichgewicht, ehrwürdiger largra“, grüßte er den Wolf. „Ich… bin Wanderer der Steppe und Kind des Windes, dass Schutz vor dem Sturm sucht.“ 

„Rhrrrr, Aman’dirrr. Elfling. Zorrrrn…“ Eine Welle von Bildern flutete Amandirs Geist bei den Worten des Wolfs, Bilderfetzen nur, aber überwältigend und unmöglich zu bestimmen, ob sie aus vergangenen oder zukünftigen Tagen stammten. Es waren Menschen zu sehen, bekannte Gesichter, die in ihm ein Gefühl von Heimat hervorriefen ebenso wie fremde. Er sah die Karenmenschen, die die Himmelwölfe ehrten und wie sie am Ahnenfels in jedem Frühling den Bund mit den Wolfsrudeln der Umgebung erneuerten. Einen Bund, der die Kluft zwischen ihren Rassen überwinden und die alte Sünde, die Menschen und Wölfe entzweit hatte, vergessen machen sollte. Doch in diesem Jahr blieb der Frühling aus…   

Als die Eindrücke hinfort geschwemmt waren, straffte sich der Elf, schloss die schmalen Augen und begann unvermittelt ein Lied zu summen. Wohlklingende Elbenworte mischten sich darin mit dem urtümlichen Knurren eines Wolfs und dieser Zauber würde bald die Barrieren der Verständigung niedergerungen haben.  

„Wer… wer in Madas Namen bist du, largra?“, presste Amandir schließlich bellend hervor. 

„Hrrrr…“, höhnte der Wolf. „Viiiel Namen. Viel Volk.“  Er stockte, würgte beinahe. Unter immensen Anstrengungen schien er ebenfalls mit den Möglichkeiten seiner Mitteilsamkeit zu kämpfen. Doch der Zauber des Elfen wirkte. Tief im Inneren des Wolfs formierte sich etwas, was alsbald den Weg durch seine raue Kehle fand, hervor brechend mit erstaunlich klarer Stimme: „Viele Völker haben mir viele Namen gegeben, Elf-der-aus-dem-Traum-ins-Licht-trat. Du musst nur wissen, dass dein und mein Schicksal verbunden sein werden, Amandir sieht-den-Silberschatten. Dies ist ein Teil DEINES neuen Namens. Und der Wolf wird dein Geistführer und innerer Begleiter, lausche dem nächtlichen Wehgesang! Bald, schon bald, werden WIR das Grauen sein, das den Göttern gilt. So nenne uns…“

Die Bilder, die dabei Amandirs Geist begruben, ließen ihn nur für einen flüchtigen Moment vor der Ohnmacht eine Ahnung davon haben, was der weise Wolf wohl gesehen und gemeint haben mochte...