Amandir am Auenherz

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Erstellt am Dienstag, 06. März 2012 16:42
Zuletzt aktualisiert am Montag, 06. Oktober 2014 23:14
Geschrieben von Aelindir
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Diesen Text habe ich zuletzt eigentlich für meine Pen&Paper-Runde geschrieben, das heißt er hat im Grunde keine Relevanz für die Welt von Warcraft. Jedoch bin ich großer Elfenfan - nicht zuletzt ein Grund, weshalb ich auf Allianzseite zurückgekehrt bin - und mein Spiel rund um Aelindir orientiert sich ein bisschen an meiner P&P-Figur. Wer sich also einmal in die Welt des Schwarzen Auges und unserer Truppe entführen lassen möchte, dem sei dieser kleine Ausschnitt anempfohlen...

Er stellt übrigens quasi die Zusammenfassung eines Ereignisses dar, welches nicht am Spieltisch mit der gesamten Runde ausgespielt, sondern in der Zeit zwischen zwei Abenteuern angesiedelt war und später von meinem Elfen berichtet wurde.

Wem es was sagt: wir befinden uns gerade im Frühsommer des Jahres 1017 BF, allesamt im Strudel der Geschehnisse um Borbarads Rückkehr gefangen...

 

Amandir am Auenherz

Ein trister Himmel hing tief über der Au, matt und fahl wie das Fell eines regennassen Wolfs. Er lastete bleiern auf dem elfischen Reiter, der den Oberlauf des awadir hinauf zog und spürte, dass der letzte Sommer über das Land gekommen war. Dies war auch der Grund für seinen Ritt, wobei jener kaum als solcher zu bezeichnen war: gekrümmt kauerte das Langohr auf dem Rücken seiner treuen Stute und schmiegte sich eng an ihren Hals. Obgleich er eigentlich bessere Augen besaß als sie – wie alle feya vermochte er in der Dämmerung hervorragend zu sehen – und auch als tollkühner Reiter gelten mochte, ließ er ihren Schritt unbeeinflusst. Seine schlanken Finger wurzelten in ihrer Mähne, doch waren es nicht bloß seine Hände, die Halt und vertraute Wärme suchten…

Die Stute wies ein gutes Gespür für wenig ausgetretene Pfade auf, war sie doch eine Nachfahrin der Nebelrösser Lariels, die einst unbezähmbaren Wellen gleich über den Wassern der alten Welt ritten. Rhiana salandara wurde sie gerufen, was in der Sprache der Menschen so viel bedeutete wie „Gefährtin Donnertanz“. Seit nunmehr sieben Sommern begleitete sie ihn und stets hatte sie ihr Ziel gefunden. Diesmal strebte er jedoch einen Ort an, der – entrückt aus den Gefilden der Sterblichen – von pandlaril, der Herrin-über-den-Strom-zwischen-Wald-und-Gras, als Heimstatt auserkoren war: vana, das Auenherz.

„Die Grenzen dieses Landes sind weder von den Rosenohren noch von uns feya gemacht“, flüsterte der Elf salandara zu. „Bruder Wolf und Bruder Bär sind von rauem Schlag hier. Auch sollten wir uns vor den Pfeilen der Reihertänzer in Acht nehmen. Meine Brüder und Schwestern werden mich in der Au nicht dulden. Sie haben Angst vor entwurzelten Wesen, die schwarze Federn fallen sehen und denen der Gestank der Menschenwelt anhaftet.“

Amandir sieht-schwarze-Federn-fallen, das war sein Name. Und seit er sich im Traume über Dornicht und Ödnis gleiten sah, wo einst Bäume und Sträucher sprossen, wusste er, dass der ewige Sommer zur Neige ging und der Lügenbringer begonnen hatte, ein Gespinst der Fäulnis  über der Welt zu weben – und er würde sich nicht mit den Ländereien der Menschen begnügen…

Rhiana salandara schnaubte verächtlich und tänzelte unbeherrscht seitlich aus. Amandir hätte ihr gerne gesagt, dass alles gut würde und der verdorbene Wind weiterzieht, doch viele feya verließen bereits die Gestade der Wirklichkeit, die Menschen ihrem Schicksal überlassend. Also schloss er beruhigend seine Arme um den Hals seiner Freundin und stimmte – während sie ihren Tritt wieder aufnahm – einen innigen Gesang an, der schon bald Frucht trug. Die harmonische Melodie hüllte beide ein wie in Madabausch und während sich über die mandelförmigen Augen des Elfen dunkelgrün gefärbte Lider legten, wendeten sich die Ohren der Stute jenen heimeligen Geräuschen zu, die sie schon so oft in vertrauter Nähe vernommen hatten.

Amandir sang von der heimatlichen diun‘dya: von der unendlichen Weite der Grasländer, in denen selbst Flüsse und Hügel den eigenen Ritt und Flug nicht einschränkten. Von unbeschwerten Zeiten der Eintracht zwischen Elf, Pony und einer Steppe ohne die Menschen. Von Leyloen, die noch heute mit den Winden über die Himmel zog und wie sie einst mit ihrem Ross verschmolz und zum ersten Adlerpferd der Welt des Seins wurde: ariana.

Seine Stimme brach. Er hielt einen Wimpernschlag inne und presste selbst eine Träne hervor, die über seine Wange perlte und schließlich an einer Feder hängen blieb, die in sein wildes Haar geflochten war. Salandara spürte sein Heimweh und stoppte auf der Hinterhand. Sie wendete sich dem Elfen nun ihrerseits zu und bot ihm ihre rechte Ganasche dar, hinter der er ihren Herzschlag wie den eigenen zu fühlen vermochte.

Derart aneinander geschmiegt ver¬schwommen bald die Grenzen von heller Haut und kurzem Fell, von Bewegung und Stillstand, von den Zeiten gar und der Welten selbst…

Als das Kind der Steppe sich und seine Augen von neuem der Wirklichkeit öffnen wollte, bemerkte es, wie friedvoll die Au mit einem Mal geworden war. Mehr noch, alles vertraute lag wie in sanftem Schlummer. Auch salandara, deren Nähe Amandir eben noch so erfüllend wahrgenommen hatte, war hier und doch nicht hier. Er sah sie zwar, einige Schritte abseits grasend am Flussufer, doch sie war ihm abgewandt – geneckt von regenbogenfarbenen Schmetterlingen. Er selbst stand in der Nähe einer Weide mit weit ausladender Krone und tief herabhängenden Ruten. Und obgleich er das Leben in ihr und in jedem Strauch, Farn oder Grashalm pulsierend fühlte, fiel es ihm schwer, sich auf deren Lieder einzustimmen. Es lag eine Melodie in der Luft, die alles überdeckte. Dem harmonischen Gesang eines Zauberwebers gleich band sie die Gedanken des Elfen sanft und…


„Ich fühle deinen Verlust, fey“, schlich sich augenblicklich eine zarte Stimme in den Kopf Amandirs. „Fürchte dich nicht, denn vana hat dich bereits erwartet.“


Aus dem awadir heraus tauchte eine Frauengestalt auf, deren silbernes Haar über schmale Schultern floss und übergangslos zum Wasser des Flusses zu werden schien. Sie trug einen zierlichen Kranz aus Seerosen und Lotusblüten auf dem Haupt und das feine Gespinst aus Haar und Wasser war ihr Gewand. Ihre Augen leuchteten durchscheinend und klar, sandten einen Blick aus, in dem sich jede dunkle Angst des Elfen auflöste.

Amandir versuchte etwas zu erwidern, doch es war, als sei jedes Wort just in dem Moment, da es sein Odem in die Welt tragen wollte, überflüssig geworden. Wie von selbst verwob sich sein Lied mit dem jener Wasserfrau, die ganz augenscheinlich pandlaril sein musste, die Hüterin des Auenherzens. Sie schien jedweden Gedanken von ihm zu kennen, besser: zu erahnen, ihre Präsenz war entwaffnend…

„Dein Verlust führt dich zu mir. Und ein Verlust wird dich wieder hinfort führen. Doch lass den Gram hierüber nicht dein Herz bezwingen.“ Ihre Stimme ertönte, ohne dass sie ihre hellblauen Lippen bewegte.

„Aber wie sollte ich daran nicht vergehen?“, presste er angestrengt hervor, selbst ein wenig überrascht, dass es ihm gelungen war, seinen Worten eine greifbare Wirklichkeit zu verleihen. „Ich habe kurizar, meinen iama, in den Nebeln des Lügenbringers stürzen sehen! Über dem Neunaugensee fühlte ich seinen Schatten im purpurnen Gewölk. In Dragenfeld hat der Sturm aus Zeit und Dürre meinen Leib erschüttert! Ich konnte bhardonas Bündnisversuch mit dem Toröffner nicht verhindern und… “

„All das hat dein Lied verändert, Amandir sieht-schwarze-Federn-fallen.“ Der Elf hatte noch niemanden derart traurige Gewissheiten so tröstlich aussprechen hören.

Er straffte sich und fuhr bestimmt fort: „Doch gibt es keinen anderen fey, an den ich mich wenden könnte. Jeder von ihnen, so weise er auch sein mag, lebt sein eigenes Leben, das nichts mit dem zu tun hat, was ich gesehen habe. Warum sollte ich also in die Steppe zurückkehren und mein Lied berichten lassen? Ich spüre, dass ich meine Sippe damit nur belasten würde. Ich könnte ihren Schmerz über meine Wandlung nicht ertragen. Badoc…“ Das letzte Wort spie er leise aus.
Die Fee schwieg. Nicht jedoch, weil sie nichts zu entgegnen gewusst hätte, sondern weil sie ahnte, dass dem Elf noch etwas auf der Seele lastete. Sie nickte ihm bedächtig zu, beinahe gebrechlich.

„Ich…“, stammelte Amandir, „ich musste sie zurück lassen. Elentari Sternkönigin, mit der ich den Bund begehen wollte. Und… nun kann ich nicht wieder heimkehren. Kann nicht meine Stimme mit ihr vereinen und unter die niemals verblassenden Sterne des endlosen Himmels erheben.“ Er stockte. „Sie soll nicht den Hauch des Lügenbringers an mir spüren und mit mir gemeinsam vergehen. Denn… denn selbst ihr Lied vermag mich nicht zu heilen…“

Die Herrin-über-den-Strom-zwischen-Wald-und-Gras hauchte ihm lindernd zu: „Niniél Tränenglanz wird sie nun gerufen. Sie kann deinen Schmerz fühlen, über jedwede Entfernung hinweg. Diese wertvollen Töne werden nie völlig verklingen. Auch wenn sie dazu führen mögen, dass du deine Liebe vermutlich nicht wirst abschütteln können. Sie gehören zu deinem Lied und weben die Melodie zu dem, was sie ist. Und solange sanfte Töne der Verbundenheit erklingen, werdet ihr einander, vielleicht an einem fernen Tag, auch wiederfinden können…“

Amandir sackte in sich zusammen. Hoffnungslosigkeit war in den letzten Monden sein steter Begleiter gewesen. Er konnte die anrührenden Worte pandlarils noch nicht in seinem Gemüt wurzeln lassen. Dies spürte sie. Stattdessen stimmte sie einen eigentümlichen Gesang an, der ihm, dem Lied der Lerche gleich, leicht und ätherisch, ein Traumbild aus Erinnerungen und Hoffnung wob. Zwar kauerte er immer noch in seiner Kümmernis gefangen am Ufergrund, doch schließlich streifte etwas sein Licht, unendlich sanft und ebenso unerwartet.

Als er seine Augen flugs öffnete und seine Tränen mit einem Mal versiegt waren, fand er sich überraschenderweise auf dem Rücken seiner Gefährtin salandara wieder. Sie schien von all dem nichts mitbekommen zu haben. Und in seinem Kopf hallte noch das Lied der Herrin-über-den-Strom-zwischen-Wald-und-Gras nach, welches sich zu klaren Worten formierte.

„Bürde dir nicht Trauer und Schwermut auf. Sollen die Deinen selbst entscheiden, welchen Pfaden die Hufe ihrer Ponys folgen. Keiner kann deinen Weg beschreiten. Du wirst ihm folgen müssen, von der Wurzel bis zur Welke… Höre den Ratschlag von vana, junger fey: deinen inneren Begleiter kurizar wirst du für immer verlieren. Dies ist unabwendbare Bedingnis, denn dein Lied hat sich stark gewandelt. Trage deine innere Leere mit dir, folge den freien Winden in den Norden. Dort wirst du dein Schicksal bei einem Volk finden, dass dem deinen nicht unähnlich ist. Sie ziehen als Nomaden mit ihren Tieren durch die immergrüne Steppe und schließen in jedem Frühling einen Bund am Fels der klagenden Ahnen. Beim nächsten Mal wirst du bei ihnen sein und ein neuer iama wird sich dir offenbaren…“

Als just in diesem Moment ein Windstoß die Wipfel der Auenwälder bewegte, wieherte salandara auf.

„Ruhig“, hauchte Amandir ihr zu. „Bring mich zurück in die Bärenstadt am Neunaugensee. Wir werden eine Reise in den Norden unternehmen.“ Und zum ersten Mal seit langer Zeit fand sich sein Antlitz von einem Lächeln umarmt…