Blutmond

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Erstellt am Samstag, 03. März 2012 18:04
Zuletzt aktualisiert am Montag, 16. April 2012 04:34
Geschrieben von Nathasil
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Nathasil Blutmond. Das ist ihr Name. Und doch ist es kein Name. Der Blutmond ist ein Vermächtnis ihrer Vorfahren - ein Erbe, das den Weg der Nachtelfe entscheidend geprägt hat.


Die Geschichte um den Blutmond entstand im Laufe vieler Jahre. Einige Kernelemente der Handlung waren sehr früh klar, andere Details kamen erst später hinzu. Da ich die Geschichte niemals aufgeschrieben und sie über die nunmehr fast acht Jahre WoW auch nur sehr wenigen Personen direkt weitergegeben habe, konnte ich sie umschreiben, wenn sich der Charakter Nathasil verändern musste.

Das war einer der Vorteile daran, sie niemals aufzuschreiben.

Mein größtes Argument dagegen war allerdings immer, dass diejenigen, die sich dafür interessierten, mich schlicht im Spiel fragen konnten. Das war mir immer lieber, als einen Roman hier im Forum zu hinterlassen, den vielleicht 2 Leute lesen und 4 andere werden allein von der großen Textmenge sofort abgeschreckt. Gerade da ich auch in anderen Zusammenhängen zu Enlostexten tendiere, war diese Gefahr für mich sehr real.

Trozdem war ich immer wieder in Versuchung, es doch aufzuschreiben. Wann immer einer von uns hier im Forum eine Geschichte erzählte, besonders wenn es die Geschichte seines Charakters war, juckte es mich in den Fingern.

Vor mehr als zwei Jahren schrieb Runá, aus ihrer Sicht, einen Teil der Geschichte hier in ihrem Tagebuch nieder. Sie hat diese Geschichte leider nie beendet - ein weiterer Stich in die Wunde.

Und so habe ich mich nun entschlossen, sie doch aufzuschreiben....und auch wieder nicht.

Ich werde die Geschichte nicht als einen großen Fließtext aufschreiben. Auch nicht als Aneinandereihung von Kapiteln. Ich weiss einfach, dass das so gut wie niemand lesen würde...selbst wenn die Geschichte gut wäre und es mir gelänge, sie auch noch gut zu schreiben...ich weiss um die abschreckende Wirkung großer Texte.
Deswegen wage ich ein Experiment. Ich werde einfach willkürlich Momente aus der Handlung herausgreifen, die für einen der Charaktere besonders wichtig oder gar symbolisch sind. Ohne zeitlichen Zusammenhang. Diese Momente werde ich als eigenständige, kleine Passagen aufschreiben. Auf diese Art vermeide ich es, interessierte Leser in einer Buchstabenwüste verdursten zu lassen.

Jeder Beitrag in diesem Thema soll für sich selbst stehen und eine eigene Aussage haben. Da sie von verschiedenen Charakteren stammen, werden sie auch sehr verschiedene Stimmungen vermitteln. Wer sich für den Zusammenhang interessiert, der liest eben alle und bastelt sie dann selber zusammen....und wer nicht, dem gefällt vielleicht trozdem der eine oder andere Moment.

Ich werde mir keine Mühe geben zu erklären, wessen Moment gerade beschrieben wird. Das ist Teil des Rätsels, so zu sagen. Es wird aber auch nicht nötig sein das zu wissen, um den Moment zu erfassen.

Ich habe nicht vor, diesem Thema in bestimmten Abständen Beiträge hinzuzufügen. Vielleicht ist ja schon nach diesem ersten Schluss...auch wenn ich das schade fände. Doch da jeder Moment für sich selbst stehen können soll, würde es den Wert des Anfangs nicht schmälern.

Und nun...

"Wer seid Ihr, Kind?"

"Mein Name ist Nathasil."

"Das weiss ich. Doch ich habe gefragt wer Ihr seid."

"Ich bin der Blutmond."



Sie würde sterben. Endlich.

Ihr Gesicht fühlte sich seltsam an, als ihre Lippen sich zu einem Lächeln formten. Wer die Elfe kannte, hätte allein ob dieser Regung ihrer Miene um die grenzenlose Freude wissen müssen, welche sie empfand.

Es war gut, dass das Mädchen sie jetzt nicht sehen konnte. Es hatte geweint beim Abschied. Müsste sie noch länger ihre eigene Freude aus Rücksicht auf dessen Trauer verbergen, es hätte sie dieses grandiosen Moments beraubt.

100 Jahre der Knechtschaft hatten ihren Körper ermattet. Doch nun war sie frei. Frei. Sie war nicht mehr die Schuldige. Die Verzweifelte. Die Gescheiterte. Das alles lag hinter ihr. Genauso wie die Tränen ihrer Tochter. Ihr Herz schlug schneller. Mit jedem Schlag pumpte es die Kraft dieser neugewonnen Freiheit in ihre schlaffen, von narbiger Haut bedeckten Glieder. Stärke. Sie hatte sich so lange nicht mehr erlaubt, sie zu fühlen - und nun da sie wiederkehrte, war sie wie eine Droge.

Die Welt um sie stand in Flammen. Schmerzens- und Todesschreie hallten durch die Luft. Die gleiche Luft, an der sie sich berauschte. Wahrlich...ihre Heimat war zu einem Vorhof der Hölle geworden. Sie musste lachen. Es steckte keine Freude darin, aber auch keine Bitterkeit. Es war einzig ein Reflex, der dieser grotesken Erkenntnis folgte.
In diesem Flammenschlund, der die Idylle aufzehrte, die ihre Heimat bis gestern gewesen war, in dem ihresgleichen tausendfach von Tod heimgesucht wurde und Entsetzen alles schien, was im Unbekannten warten würde....hier fand sie ihre Freiheit wieder. Und ihre Stärke. Was sagte das über sie selbst aus? Ein amüsanter Gedanke.

Wie ein Tier hetzte sie durch das Unterholz. Katzenhafte Anmut in jedem ihrer Schritte und Sprünge. Sie kam schneller vorran als die Schildwachen auf dem Weg neben ihr. Auch diese zogen in die Schlacht. Es war die gleiche Schlacht wie die ihre, doch während die Frauen neben ihr kämpfen würden um zu beschützen....um zu leben...so hatte sie nur das Ziel zu sterben. Gab es für die jungen Kriegerinnen kaum Hoffnung auf Erfolg, so war der ihre gewiss.

Denn sie würde sterben. Endlich!


Die metallenen Stiefel sanken knirschend in den Sand von Tanaris. Das Geräusch entstand nur, weil die Nachtelfe es genauso wollte, als sie von ihrem Säbler sprang - und auch die erhoffte Wirkung blieb nicht aus: Wie auf Kommando wandten all die Schildwachen im Lager den Blick auf sie. Hunderte silberne Lichterpaare im weichenden Dunkel des anbrechenden Morgens. Die nächsten sprangen von ihren Lagerstätten auf und nahmen rasch Haltung an.

"Elune adore, Kommandantin!"

Die große Elfe nickte erhaben und ging an den Wachen vorüber auf das größte Zelt, direkt im Herzen des riesigen Feldlagers, zu. Die Posten vor dem Eingang strafften sich und gaben den Weg frei. Ihre Augen huschten kurz an den Wänden entlang bevor sie auf der einzigen Person im Inneren zu ruhen kamen: Eine Elfe mit nachtblauem Haar kniete dort, ihr den Rücken zugewandt. Neben jener lag ein Bündel Pfeile. Nun konnte die Kommandantin auch sehen, was diese andere Elfe tat und da diese nicht auf sie reagierte, konnte sie dem Schaupsiel lange Sekunden schweigend beiwohnen: In einem scheinbar exakt bemessenen Zeitabstand nahm jene einen der Pfeile auf, musterte die stählerne Spitze, schärfte sie mit einem Stein in genau 4 Zügen nach und legte den Pfeil dann auf der anderen Seite ihrer Knie fein säuberlich ab.
Schließlich verzog die Kommandantin den Mund und räusperte sich. Die hockende Elfe reagierte auch jetzt nicht; sie beendete mit der gleichen Sorgfalt wie zuvor die Arbeit an ihrem Pfeil. Erst als sie ihn abgelegt hatte sprach sie, ohne sich dabei der Person in ihrem Rücken zuzuwenden.

"Ihr seid spät. Ich hatte bereits vor 31 Minuten mit Euch gerechnet."

Die Kommandantin blinzelte. Hinter ihr und ihrer Truppe lagen 2 Wochen Ritt durch das Brachland und die Tausend Nadeln. Vor diesen 2 Wochen hatte sie den Zeitpunkt ihrer Ankunft abgeschätzt und die Eule mit dem Schreiben vorrausgesandt.

"Ich bitte vielmals um Verzeihung."

Die große Elfe zögerte kurz, dann sprach sie weiter.

"...doch als wir am 4. Tag an einem Bach vorbeikamen, habe ich mir erlaubt abzusteigen und mein Gesicht zu waschen."

Für die Kommandantin nicht sichtbar zuckten die Mundwinkel der hockenden Elfe kurz nach oben, bevor sie sich erhob und der anderen zuwandte. Es gelang jener Elfe mit dem blauen Haar sie noch mehrere Sekunden aus strengen, kalten Augen anzusehen, dann weichte ein Lächeln ihre Miene auf, was ihr Gegenüber für eine Umarmung nutzte.

"Es tut gut Dich wiederzusehen, Lya."
"Elune mit Euch, Rian."

Die blauhaarige Elfe, verneigte sich leicht, als Rian die Umarmumg löste, während jene ihren Helm abnahm und das eigene, violette Haar ausschüttelte nur um sofort die Augen zu verengen.

"Wie oft soll ich Dir noch sagen, dass Du nicht so förmlich sein sollst?"
"So oft Ihr wollt, Kommandantin - nutzen wird es nichts."

Die kleinere, blauhaarige Elfe hockte sich zurück zu ihren Pfeilen, diesmal jedoch so, dass sie Rian ansehen konnte.

"Dann muss ich es Dir wohl befehlen."
"Das habt Ihr bereits. Als Ihr im Rang noch über mir standet. 509 lange Jahre habe ich den Befehl befolgt, dann wurde ich befördert und konnte ihn aufheben."
"Ich weiss nicht, warum die Göttin solche Ungerechtigkeit duldet. Nur allein wegen diesem Befehl hätte auch ich befördert werden sollen."
"Das wärt Ihr fraglos, wenn es einen höheren Rang in der kämpfenden Truppe gäbe. Ihr habt es ja stets abgelehnt, im Stab zu dienen."

Rian liess sich mit einem übertrieben lauten Seufzen auf einer der Decken nieder, die den Boden des Zeltes bildeten.

"Stabsdienst. Mir tut schon der Rücken weh, wenn ich nur an die viele Sitzerei denke."

Als die blauhaarige Elfe darauf nichts erwiderte betrachtete die Kommandantin einfach einige Minuten weiter deren pedantisches Schärfen der Pfeilspitzen.

"Wie lange liegt unser letztes Treffen nun zurück....? 12 Jahre?"
"11 Jahre, 7 Monate, 20 Tage und 3 Stunden."

Die Blauhaarige ließ den Blick keine Sekunde von ihren Pfeilspitzen, während sie die Antwort in einer bemerkenswert mechanischen Tonlage herunterspulte. Rian nickte anererkennend.

"Du hast Dich kein bischen verändert. Die gleichen Rituale - die gleiche Besserwisserei. Wie vermisse ich die Zeit, als ich Dich mit doppeltem Marschgepäck Runden um das Lager drehen lassen konnte, wenn Du mir auf die Nerven gegangen bist."

Einmal mehr zuckten die Mundwinkel der Blauhaarigen kurz nach oben.

"Da wir gerade davon sprechen...Stabsdienst...für Dich wäre das doch genau das Richtige."
"In der Tat freue ich mich darauf, bei der Verteidigung Kalimdors mehr Einfluss zu bekommen."
"Einfluss..."

Rian schnaubte und gönnte sich eine Mondbeere aus einer Schale am Boden, bevor sie kauend weitersprach.

"Du wirst die erste Generalin sein, die in einem Marschbefehl genau festhält, wieviele Schritte wir auf dem Weg machen dürfen."

Die Blauhaarige warf ihr einen missbilligenden Blick zu.

"...und wie oft am Hintern kratzen."

Nun hatte sie ihr Ziel erreicht und die kleinere, blauhaarige Elfe liess kurz von den Pfeilen ab, um die andere beleidigt anzusehen - bevor sie lachen musste.

"Auch Ihr habt Euch kein bischen verändert, Rian."

Sie nahm den letzten Pfeil auf.

"Ihr glaubt mir das wahrscheinlich nicht, doch ich freue mich darüber."

Die größere Elfe winkte ab.

"Natürlich glaube ich Dir nicht. Wären unsere Plätze vertauscht und ich hätte vor 1200 Jahren meinen Dienst unter Dir begonnen....ich will gar nicht wissen, wieviele Runden ich um das Lager hätte laufen müssen."

Die Blauhaarige beendete das Schärfen des letztes Pfeils und hob den Blick, um die andere Elfe ernst anzusehen.

"Ihr wisst, dass es keine Schildwache gibt, die ich mehr bewundere als Euch. Egal wie verschieden wir sind."

Rian setzte einen panischen Gesichtsaufdruck auf und begann abwehrend mit den Händen zu wedeln.

"Bitte hör auf Lya. Solche Gespräche enden immer damit, dass ich zum Vorbild ernannt werde. Und das würde mich in Deinem Fall sehr erschrecken."

Erneut lachten beide kurz.

"Wusstest Du eigentlich, dass es ganz andere Rituale gibt, die man am morgen vor dem Schlaf pflegen kann...?"

Rian deutete mit einem Kopfnicken auf die Pfeile und die Blauhaarige hob fragend die Brauen.

"Auf dem Weg kam ich an Nishas Zelt vorbei. Gerade rechtzeitig um zu sehen, wie einer der Bannerträger darin verschwand. Ein knackiger junger Bursche."

Die Blauhaarige rollte mit den Augen.

"Rian, bitte. Sowas will ich gar nicht wissen."

Rian seufzte.

"Natürlich nicht."
"Die Pfeile zu schärfen macht mir sehr viel Freude."
"Du solltest heute abend Nisha mal fragen, was ihr sehr viel Freu...."

Die Blauhaarige fiel Rian grob ins Wort und übertönte sie.

"....und ausserdem bin ich eine verheiratete Frau."
"Das ist Nisha auch."
"Ich bin sehr glücklich mit Reth."

Rian blickte sie entgeistert an und liess dann zu dem nächsten Satz die Augen klimpern.

"Wenn Du von ihm sprichst, überwältigt mich die Leidenschaft in Deiner Stimme beinahe...!"

Abermals rollte die Blauhaarige mit den Augen, während Rian nur leise lachte und nach einer weiteren Mondbeere griff.

"Wir sind seit 476 Jahren vermählt. Unser Sohn ist lange erwachsen. Was erwartet Ihr?"

Rian hob beschwichtigend die Hände.

"Verzeih, ich wollte Dich nur etwas necken. Mehr nicht."

Ihr Gegenüber senkte den Blick, um die eigenen Emotionen zu verbergen, als sie den nächsten Satz sprach.

"Ich habe Reth seit 10 Monaten nicht mehr gesehen. Ich bete, dass die Göttin mir nach diesem Einsatz etwas mehr Zeit für die Familie gönnt."

Rian zögerte und blickte die andere forschend an, bevor sie mit einem Grinsen sprach.

"Also da habe ich nun doch ein bischen Leidenschaft herausgehört."

Die Blauhaarige schnaubte.

"Euer Zelt ist inzwischen bestimmt aufgebaut. Ihr solltet Euch nun lieber ausruhen. In Eurem Alter braucht man den Schlaf."

Rian war kurz davor, der anderen die Zunge herauszustrecken ob deren Spitze. Doch dafür war selbst sie zu erwachsen. Nichts desto trotz erhob sie sich und wandte sich zum Gehen.

"Soviel Zeit zum Reden werden wir wohl erst in 10 Jahren wieder haben. Danke, Lya."

Rians Stimme war nun absolut ernst. Von der verspielten Mädchenhaftigkeit der letzten Minuten war nichts mehr übrig.

"Dieser Einsatz...Du weisst sicher mehr darüber als ich. Was denkst Du?"
"Seit Valstanns Tod geben wir eine Stellung nach der anderen auf. Die Front hat sich nach Un'Goro verlagert, doch wenn sich das Blatt nicht bald wendet, werden wir bis Tanaris zurückgedrängt."

Rian ballte die Fäuste.

"Allerdings kommt uns die Vegetation Un'Goros entgegen, die Schildwache ist auf den Kampf in Wäldern trainiert. Vielleicht können wir den Ansturm dort brechen."
"Vielleicht?!"

Rian fauchte.

"Lya! Wir sind Kaldorei! Die Kinder der Sterne! Wir haben diesen Boden den Trollen abgetrotzt! Wir haben das größte, mächtigste und schönste Reich unter Elunes Antlitz auf ihm errichtet! Wir haben die Legion zurückgeschlagen! Ich will verdammt sein, wenn wir ihn jetzt an ein paar Käfer verlieren! Wir werden diese Krabbler jagen und einen nach dem anderen zertreten!"

Rian hatte sich wieder umgedreht und funkelte die kleinere Elfe nun aus zornigen Augen an. Jene zuckte ob der scharfen Reaktion sichtlich zusammen, erhob- und straffte sich.

"Natürlich werden wir das. Verzeiht, wenn es so klang, als würde ich an unserer Stärke zweifeln."

Rians Züge lösten sich langsam, dann seufzte sie, bevor sie sich endgültig zum Gehen wandte.

"Bis zum nächsten mal, Lya."
"Möge Elune über Euch wachen, Rian."

Rian hatte es nicht ausgesprochen, und doch fühlte Lyandis, wie sehr ihre Nüchternheit im Angesicht der Schlacht die alte Kommandantin enttäuscht hatte. Der Blick ihrer Ausbilderin hatte zahllose Wunden aus den letzten 1200 Jahren aufgerissen; wenn es ein Wesen auf Kalimdor gab, das sie nicht enttäuschen wollte - nicht enttäuschen durfte - dann war es diese Frau...und doch war es ihr immer und immer wieder gelungen.
Die Verbitterung ob dieser Erkenntnis würde sie an diesem Tage keinen Schlaf finden lassen.


Es war keine nüchterne Entscheidung.
Es war kein Wunsch.
Es war ein Zwang. Ein Befehl. Eine Aufgabe. IHRE Aufgabe.

Noch bevor ihr Verstand Gelegenheit hatte, aufzubegehren, war sie bereits gesprungen und befand sich im Fall. Ihr nachtblaues Haar breitete sich als Fächer über ihrem Kopf aus, während sie die guten fünf Meter zum Boden der Grube hinabstürzte.
So langsam und elegant sich dieser Fächer aufgebaut hatte, so abrupt stürzte er in sich zusammen, als sie den Felsboden erreichte und den Sturz abfing, indem sie in die Hocke sank, bis eines ihrer Knie den Boden berührte.
Lyandis nutzte die so gewonnene Körperspannung, um direkt nach vorn zu schnellen wie eine Feder. Mit langen Schritten flog sie auf ihr Ziel an der gegenüberliegenden Grubenwand zu.

Die drei Angreifer schlugen noch immer auf ihr Opfer ein. Mit Fäusten und Fußtritten setzten sie der jungen Kaldorei zu, welche schützend die Arme um den eigenen Kopf gelegt hatte; ihr violettes Haar war dazwischen noch immer zu sehen. Die drei Männer peitschten sich gegenseitig an, indem sie ihr Opfer beschimpften und es hatte nicht den Anschein, als ob sie wieder von diesem ablassen würden. Sie hatten die junge Kaldorei gegen die Felswand zurückgetrieben - wodurch sie der Schildwache den Rücken zuwandten, die von der anderen Seite der Grube auf sie zuschoss wie ein Pfeil. Das Raunen der anderen Gefangenen konnten sie wegen ihrer eigenen Rufe nicht hören - und so traf sie der Angriff gänzlich unvorbereitet.

Kurz bevor Lyandis die Rücken der Männer erreichte, bremste sie ihren Lauf ab, ging mit ihren Schritten tiefer, näher an den Boden; keine zwei Meter hinter den Angreifern schließlich sank sie wieder mit einem Knie bis auf den Boden, setzte beide Hände daneben auf und lenkte die verbleibende Vorwärtsbewegung so gut sie konnte zur Seite, um die Wucht ihrer beginnenden Drehung zu vergrößern. Sie musste nun nur noch im richtigen Moment das Bein durchstrecken und es fegte wie eine Waffe über den Boden hinweg. Das Metall ihrer Schildwachenrüstung schliff klirrend über den Fels.
Sie traf beide Füße des mittleren und jeweils einen der beiden anderen Angreifer - was dank deren totaler Überraschung immer noch ausreichte, sie von den Beinen zu reißen. Den Geräuschen beim "Einschlag" und seinen einsetzenden Schreien nach zu urteilen, zertrümmerte ihr metallener Stiefel dabei dem rechts stehenden den Knöchel.

Lyandis richtete sich noch in der Drehung wieder auf und zog ihre Gleve vom Rücken, um sie drohend den vor ihr am Boden liegenden Männern entgegen zu halten. Es dauerte jedoch mehrere Sekunden, bevor diese auch nur annähernd realisiert hatten was sie da getroffen hatte. Der Linke versuchte zuerst, sich wieder aufzurichten, blieb jedoch sitzen, als er die gepanzerte Frau mit dem Klingenstern ausmachte und begann seine Hände zu heben. Gerade als Lyandis die Situation unter Kontrolle wähnte und nach dem Mädchen sehen wollte geschah es...

Die junge Kaldorei tauchte plötzlich hinter dem sitzenden Mann auf, der sie eben noch geschlagen und getreten hatte, und schlug ohne jede Vorwarnung ihre Zähne von der Seite in dessen Hals. Lyandis Augen zuckten erschrocken auf - sonst konnte sie nicht reagieren. Sie konnte nur dastehen und starren.
Der gebissene Mann riss panisch die Augen auf und schrie - wohl mehr vor Entsetzen denn wegen dem Schmerz - dann versuchte er das Mädchen mit den Händen abzuwehren, doch dafür war es viel zu spät. Sie hatte seine Schlagader getroffen und das Blut quoll nur so aus der Wunde hervor. Es spritzte auf das Gesicht des Mädchens und lief am ganzen Körper des Mannes herab. Lyandis wusste, dass die Verletzung tödlich war. Selbst jetzt arbeitete ihr Gehirn noch logisch und analysierte die Situation, obwohl ihr Körper gelähmt blieb. Die Gegenwehr des Mannes erstarb rasch. Niemals würde Lyandis seinen Blick vergessen: Die Verzweiflung. Die Furcht. Bevor das silberne Leuchten darin erlosch.

Schuld. Was hatte sie nur getan?

Die zwei Kameraden des Sterbenden brachen ihre Schockstarre schneller als Lyandis. Selbst der mit dem zertrümmerten Knöchel rappelte sich erstaunlich schnell auf und floh mit dem anderen in einen dunkleren Teil der Grube, wo sie sich verängstigt gegen die Wand kauerten.

Lyandis schaffte es selbst jetzt nicht zu handeln. Sie stand noch in der gleichen Haltung da. Bereit das Mädchen zu verteidigen. Jenes Mädchen, das den toten Körper ihres Opfers achtlos zur Seite sinken ließ, um sich vor Lyandis aufzurichten. Endlich trafen sich ihre Augen. Lyandis hatte erwartet Panik, Entsetzen oder wenigstens Schuld in den Augen der jungen Kaldorei zu finden - doch stattdessen schlug ihr nur die gleiche kalte Entschlossenheit entgegen wie zuvor, als sie ihr Gegenüber vom Rand der Grube aus das erste mal gesehen hatte. Vor dem Angriff der drei anderen Gefangenen. Es schien Lyandis wie in einem früheren Leben, obwohl es keine zwei Minuten zurücklag. Das, was seither geschehen war, war noch immer zuviel für ihren Verstand.

Die Macht, die sie zum Sprung gezwungen-, die sie überhaupt an diesen Ort geführt hatte, hatte sie betrogen. Hier gab es keine Aufgabe. Nur Mörder.

Der unveränderte Blick des Mädchens war es, der sie zurückbrachte. Lyandis schob ihre Waffe in die Halterung und trat noch einen Schritt näher an die junge Kaldorei heran. Ihr Verstand arbeitete irgendwo hinter ihrer Stirn, doch ihr Körper mochte noch immer nicht gehorchen. Blut lief über das Gesicht des Mädchens hinab, um schließlich auf deren ärmliche, schmutzige Kleidung zu tropfen. Lyandis konnte den Blick nicht abwenden; die Ähnlichkeit war einfach enorm. Wie in Trance hob sie ihre eigene Hand zur Wange der jungen Elfe, als ob sie sich durch die Berührung davon überzeugen musste, dass diese real war. Jene ertrug die Berührung. Lyandis sah stumm zu, wie sich ihre eigene Hand zur Stirn des Mädchens hob, um dort mit dem Blut eine Mondsichel zu zeichnen. Sie trat wieder einen Schritt zurück. In diesem Moment wurde ihr alles klar.

Die Macht hatte sie nicht betrogen.
Sie war an diesen Ort gekommen, um eine Mörderin zu finden.
Dieses Mädchen vor ihr war genau das, was sie gesucht hatte.


Er fühlte den Schweiß auf seiner Haut. Das kurze Brennen, gefolgt von angenehmem Kribbeln, wenn dieser in die Wunden rann, die seinen Körper nach dem langen Kampf der letzten Stunden bedeckten.
Sein Herz hämmerte.
Jeder Muskel seines Körpers war entweder bereits gespannt oder erwartete nur das Kommando, dies zu tun. Das Rauschen des Windes in den Blättern, das Plätschern des nahen Wassers - er konnte es jetzt nicht hören. Sein Verstand blendete alles aus - alles außer dem Gefühl für seinen eigenen Körper. Die reine Urkraft floss durch seine Adern, während das Gold seiner Augen heller zu leuchten begann.

Das war es. Das war SEIN Leben! Alles was er war - alles was er sein wollte!

Die Bestie vor ihm fletschte bedrohlich die Zähne. Der Wolf war nicht minder kampfbereit als der hünenhafte Kaldorei und dessen blanker Oberkörper mit den gespannten Muskeln schien ihn ebenso wenig zu beeindrucken wie die raubtierhaften Fänge des Elfen.

Der Wolf knurrte und sank näher zum Boden. Bereit zum Sprung. Der riesige Nachtelf tat es ihm gleich. Beide wussten, dass der nächste Angriff alles entscheiden würde. Wem es gelänge, die Reißzähne in den Hals des anderen zu schlagen, würde zum mächtigsten Raubtier des Waldes aufsteigen - und der andere wäre nur dessen Beute für diesen Abend.
Keiner von beiden war bereit zur Beute zu werden!

Ein Windstoß trug die hüftlange, nachtblaue Mähne des Elfen zur Seite.

Die Bestie stieß ein letztes, kehliges Knurren aus, dann preschte sie vor und sprang - der Kaldorei ließ ein tiefes Grollen zu einem lauten Brüllen werden, als er es ihr gleichtat. Die Zeit schien stillzustehen. Vor sich sah er das aufgerissene Maul der Bestie - die Reihen scharfer Zähne, zwischen denen der Speichel Fäden spannte, bereit sich in sein Fleisch zu schlagen. Die Augen des Wolfes glühten ihn bedrohlich an. Er hielt die eigenen Hände zu Klauen geformt unter seiner Brust, als er in scheinbarer Endlosigkeit auf sein Schicksal zuflog.

Kurz vor dem Einschlag riss der Nachtelf seinen linken Arm vor das eigene Gesicht und schob den massigen Unterarm zwischen die Fänge des Wolfes. Die Zähne bohrten sich durch seine Haut; frisches Blut lief warm darüber hinab. Dieses angenehme, warme Gefühl war alles, was er wahrnehmen konnte. Kein Schmerz. Der einzige Gedanke, den er bewusst formen konnte war die Vorfreude auf seinen Triumph - denn er hatte nun die Oberhand!

Die beiden Körper trafen mit voller Wucht aufeinander. Klauen auf seiner Brust. Der Elf brachte die deutlich größere Masse auf, und schlug den Wolf mit der ganzen Macht seines Körpers aus der Luft, um ihn unter sich zu begraben. Die Bestie hatte den Fehler begangen, sich in seinem Arm zu verbeißen.

Ein tödlicher Fehler!

Er hielt den Kopf des knurrenden, Klauen nach ihm schlagenden, Räubers mit dem eigenen Unterarm zwischen dessen Zähnen im Gras nieder. Die Kehle des Rivalen lag entblößt vor ihm. Dies war seine Stunde! Sein größter Triumph! Er riss den Mund auf und ließ den eigenen Kopf herunterfahren. Das Schicksal des alten Jägers war besiegelt - nun würde er die Herrschaft über dessen Jagdgründe einfordern und.....ein Schlag traf ihn und brachte ihn aus dem Gleichgewicht, so dass er von seiner Beute herabrollen musste.

Sein Ausblenden der Umgebung war ihm zum Verhängnis geworden!

Ein zweiter Wolf war herrangeprescht, ihm an die Kehle gesprungen und hatte ihn umgerissen. Noch während sein Verstand nach einem Ausweg suchte - dabei in Sekundenbruchteilen alle möglichen Optionen verwerfen musste - fühlte er die Zähne eines weiteren Angreifers auf seiner Hand. Es war vorbei. Er war geschlagen. Wieder einmal.

"Ist ja gut! Ist ja gut! Ich gebe auf! Ihr habt gewonnen!"

Die Stimme des Kaldorei zerschnitt die Aufführung seiner eigenen Sterbeszene wie der Ruf eines Regisseurs. Die alte Wölfin löste ihre Zähne von seinem Hals, den nur leichte Bissspuren zeichneten. Einzig der knurrende Welpe an seiner Hand wollte nicht ablassen. Die Muskeln des Hünen traten hervor, als er sich aufsetzte, die Hand vor das eigene Gesicht hob und direkt zu dem putzigen, kleinen, dafür aber allzu bedrohlich knurrenden, Fellknäul daran sprach.

"Ich habe aufgegeben! Was willst Du denn noch?"

Er hielt die zweite, riesige Hand wie einen Teller unter dem Welpen auf. Dieser löste endlich den Biss, um auf jene hinabzuplumpsen, wo er sich aufsetze und den Kaldorei aus großen Augen ansah.

Die Wölfin, die den Kampf mit dem Biss in seine Kehle entschieden hatte, war zu ihrem Gefährten getrottet. Die beiden alten Tiere schmiegten sich aneinander und liebkosten sich mit gegenseitigem Ablecken. Sie nahmen den Kaldorei kaum noch wahr, der da mit ihrem jüngsten Abkommen sprach.
Der Leitwolf hob jedoch kurz den nun gänzlich unbedrohlichen Blick und sah zu dem ungleichen Herausforderer auf. Ohne Worte lobte er jenen für den guten Kampf. Der Elf nickte.

"Diesmal hatte ich Dich fast!"

Der Welpe auf seiner Hand protestierte mit einem einzelnen, lauten Bellen, woraufhin der Elf sich wieder diesem zuwandte.

"Du bist befangen, Deine Meinung zählt nicht!"

Das Fellknäul knurrte bedrohlich und ging auf der Hand des Kaldorei in Lauerstellung - diesem aus den niedlichen Knopfaugen den entschlossenen Blick eines wilden Raubtieres zeigend. Dann sprang es ihn an! Der Elf ließ sich mit einem gurgelnden Todeslaut nach hinten zu Boden fallen - um dann lange Minuten vergnügt mit dem Welpen über die Wiese zu tollen und die Jagd nach Faltern zu üben. Schließlich trottete sein pelziger kleiner Freund müde zu den Eltern zurück und ließ sich von diesen durch Ablecken begrüßen.

Der Kaldorei sank am Stamm eines Baumes herab und betrachtete die kleine "Familie" mit einigem Abstand. Er hob den linken Unterarm, den immer noch die blutigen Bisspuren des Leitwolfes zeichneten, und begann seinerseits über die Wunde zu lecken.

So vertraut er auch mit diesen drei und dem Rest ihres Rudels war - so sehr wusste er, dass sie ihn jetzt nicht tolerieren würden. Die Zeit für Jagd, Rauferei und Spiele war vorbei.
Nun war die Zeit der Familie.
Mit sanft glühenden Augen wohnte er dem zärtlichen Umgang der Wölfe als stiller Beobachter bei.

Er fühlte tief in sich ein neues Gefühl aufsteigen. Neid.

Seufzen.

"Sei dankbar mein kleiner Freund. Nicht jeder hat solche Eltern wie Du."

Der Morgen war bereits am Horizont erwacht. Die tiefen Wälder Eschentals würden noch lange Stunden Schutz vor dem Licht bieten, trotzdem sagte ihm seine Müdigkeit, dass es an der Zeit war zu ruhen. So rollte er sich an seinem Baum zusammen. Die Wölfe würden ihn am Tag beschützen - so wie er schon seit Jahren in der Nacht über das Rudel wachte. Er konnte völlig beruhigt einschlafen.